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Coma-Chi

Coma-Chi

Japan im Jahr 2005. Die Rapszene des Landes ist (wie nahezu überall auf der Welt) komplett männlich dominiert. Frauen* können als Musikerinnen nur durchstarten, wenn sie im sogenannten „Kawaii“-Style auftreten, sich also überzeichnet (kindlich) stylen bzw. schminken und in infantilen Kostümen zu fröhlicher Pop-Musik auf die Bühnen des Landes stellen.

Im Tokioter Yoyogi Park findet das „B-Boy Park“-MC-Battle statt, eine der renommiertesten Battlerap-Veranstaltungen des Landes. Dessen Finale soll in einem alten und von vielen als heilig angesehenem Stadion für Sumo-Kämpfe stattfinden. Doch gibt es ein Problem: Traditionell haben Frauen keinen Zutritt zum Ring, jedoch steht dieses Jahr die erste Frau, die jemals am Battle-Wettbewerb überhaupt teilgenommen hat, direkt im Finale: Die damals 20-jährige Coma-Chi. Die Organisatoren des Contests überlegen aufgrund der Tatsache, dass Coma-Chi eine Frau ist, das Finale abzusagen. Letzten Endes darf es doch stattfinden, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Finalistin nicht auf High Heels rappt. Coma-Chi spittet barfuß und verliert, stößt mit ihrem Auftritt aber die Tür für weitere Female MCs in Japan auf.

2006 veröffentlicht sie ihr erstes Album „Day before blue“, auf dem sie die japanische Rap-Szene mit ihrer weiblichen Perspektive und einem unverwechselbaren Boom-Bap-Sound bereichert. Während Coma-Chis erste Alben soundtechnisch an Rap-Größen aus Philadelphia erinnern, ändert sich sowohl ihre Musik als auch Texte mit der Atomkatastrophe von Fukushima im Jahre 2011. „Nach der Katastrophe hat sich meine Sicht, sowohl auf Musik als auch auf die Gesellschaft, grundlegend geändert“, erzählt Coma-Chi im Interview mit 365 Female* MCs. „Nach dem 03.11. [das Datum des Reaktorunglücks, Anm. d. Red.] habe ich festgestellt, wie viel in der japanischen Politik und der Gesellschaft schrecklich läuft. Es war der Zeitpunkt, nachdem ich mehr über die Welt und die soziale Situation erfahren wollte.“ Das Reaktorunglück in Fukushima inspiriert sie dazu, das Buch „Der Junge, der die Sonne rief“ zu schreiben. In dem antikapitalistischen und konsumkritischen Buch erzählt sie die Geschichte eines Jungen, der seine Eltern von der Krankheit des „American Dreams“ heilen will. Das Buch endet, als der Junge von seinen Eltern geweckt wird, die der kapitalistischen Leistungsgesellschaft entsagen und sich für ein Leben im Einklang mit der Natur entscheiden.

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Die Rückbesinnung auf die Natur entwickelt sich zum Leitmotiv des musikalischen Outputs von Coma-Chi nach 2011. Ihr Album „Jomon Green“ ist geprägt von einer lyrischen Rückbesinnung auf die Jomon-Periode, die von 14.000 v. Chr. bis 300 v. Chr. andauerte und in der die japanische Bevölkerung aus Jägern und Sammlern, aber auch aus den ersten in Siedlungen lebenden Menschen bestand. Coma-Chi sieht in dieser Zeit vor allem ein Leben im Einklang mit der Natur. Auf dem Album „Jomon Green“ verlässt sie den Pfad des klassischen HipHops und experimentiert mit sphärischen und elektronischen Klängen, die dem Album eine unvergleichbare Atmosphäre geben. Coma-Chi rappt zwar auch hier teilweise klassische Rap-Parts, überschreitet aber ebenso die Grenzen zum Spoken Word-Genre. Mit dem Album will sie ihre Hörer*innen dazu bringen, das göttliche Wesen der Natur um uns herum wahrzunehmen und keinen Raubbau an ihr zu betreiben.Mittlerweile ist Coma-Chi 36 Jahre alt und Mutter. Ihre Musik hat sich mit der Zeit weit von ihren Boom-Bap-Wurzeln entfernt – für ihren im Februar 2020 erschienenen Song „The Dawn of Reiwa“ hat sie mit der japanischen Jazz-Legende Uyama Hiroto zusammengearbeitet. Coma-Chi rappt und singt darauf so, als habe sie der Welt noch unendlich viel mitzuteilen: Und gerade wir im Westen sollten vielleicht alle etwas häufiger auf ihre Message hören.

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