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Kyne

Kyne

Kynes Stimme wirkt kratzig, zerbrechlich, rau – irgendwie besonders. Gleichzeitig hängen sie und Kynes Sound sich schnell ins Ohr. Kyne, das spricht sich übrigens „Káin“, hört man insbesondere auf sehr R&B-lastigen Songs – auf Spanisch oder Englisch singt sie dort ziemlich schön, oder sie murmelt irgendwo zwischen Rap und Gesang.

Sie bedient sich musikalisch, wo es ihr gefällt: Mal klassischer R&B, mal BoomBap oder Trap, mal elektronische Klänge. Darauf performt sie ihre oft persönlichen und melancholischen Texte. Songs, die so klingen als würde man am Ende eines langen Tages im Sonnenuntergang nach Hause fahren – klingt kitschig, fängt ihren wehmütigen Singsang aber recht gut ein. Dieses Gesamtpaket macht Pau Artés, so heißt die 25-jährige Kyne bürgerlich, aus Barcelona zu einer extrem spannenden Vertreterin einer neuen leidenschaftlichen und vielfältigen Generation spanischer R&B- und HipHop-Künstler:innen.

Yo quería que fueras pa‘ mí / Y para nadie más

Yo quería que cuidara de mí / Y no de nadie más

Yo pensaba que estabas por mí | I don’t know what you’re feeling for me

Kyne – Girl, that’s what you thought;
frei übersetzt: Ich dachte du wärst für mich / und für niemanden sonst | Ich dachte du sorgst dich um mich / und um niemanden sonst / Ich dachte du wärst mein / Ich weiß nicht, was du für mich fühlst.

Schon als Kind ist sie von Musik umgeben: Ihr älterer Bruder legt Techno auf. Pau hat das Bedürfnis, mit Musik verbunden zu sein, erst hörend und später schöpferisch, wie sie Mireia Pascual in einem Vice-Interview erzählt. Das bringt sie zum Singen. Damals läuft im Fernsehen vor allem R&B, erzählt sie: Estaban, Craig David, Stacie Orico… Die 2000er eben. Sie fühlt sich insbesondere zu Musik mit starken Leads und unterschiedlich modellierten Stimmen hingezogen. Damit kann sie sich identifizieren und beginnt sie zu imitieren. Über R&B kommt sie zum HipHop. Destiny’s Child, D’Angelo, Lauryn Hill, aber auch Mos Def und DMX nennt sie als ihre musikalischen Einflüsse.

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Seit 2015 oder 2016 nennt sie sich Kyne. Mit einer Webcam und Videos auf ihrem Facebook Profil fängt alles an – heute braucht es ja erstmal nicht so viel, um bekannt zu werden. Seitdem sie bei einer Cypher und MPC Session von Team Backpack mit einigen Künstler:innen zusammen auftritt, verfolgt sie die Musik ernsthaft. Und so erscheint 2016 ihre erste EP Indigo Child. Es folgt notgedrungen eine längere Pause: Kyne muss sich operieren lassen, darf ein Jahr ihre Stimme nicht benutzen. Ein Jahr keine Musik, eine unfassbar lange – und harte – Zeit für eine junge Frau am Anfang ihrer Musikkarriere. Schließlich aber erscheint im April 2020 ihr Album „Collapse.

Kyne sieht die Pause recht positiv. Ihretwegen konnten die Songs auf „Collapse“ entstehen. Außerdem spüre Kyne keine Eile in ihrem Schaffensprozess. Sie möchte nicht, dass sich ihre Arbeit an der Musik wie eine Pflicht anfühlt, weil sie das Kreieren so sehr schätzt. Nicht nur auf musikalischer Ebene: Sie schreibt Texte, spielt einige Instrumente selbst ein. Auch viele ihrer Videos entstehen in Eigenregie vor und hinter der Kamera. Kyne begreift sich grundsätzlich als Künstlerin. Gerade macht sie ihren Bachelor in Grafikdesign. Vor allem habe sie gern bei all ihren Projekten die Oberhand.

Ihre kratzige Stimme richtet sie häufig an sich selbst. Auch wenn sie in ihren Songs eine andere Person anrede, spreche sie eigentlich von einem Gefühl, das sie selbst habe – spricht Dinge aus, die sie sich selbst sagen muss. Natürlich ist sie dabei immer auch fokussiert auf ihre Umgebung, auf ihr Leben. Textlich handeln ihre Songs deshalb oft von tiefen Gefühlen und Dingen, die Kyne schmerzen oder geschmerzt haben. Es geht nur selten um die schönen Seiten des Lebens. Trotzdem gibt es am Ende immer eine positive Message. Dabei lässt sie sich stilistisch nicht limitieren, um möglichst kreativ agieren zu können, auch wenn sich Kyne am Ende wohl immer dem R&B am meisten verbunden fühlen wird.

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